Scham – Das Gewicht der Blicke
Das Gewicht der Blicke
Scham entsteht nicht im Inneren. Es entsteht durch Blicke der
anderen, lange bevor man selbst Worte finden kann. Das
Schamgefühl beschreibt, dass man von anderen gesehen wird.
Das schmerzhafte Bewusstsein, dass man in einer Welt, die
Unsichtbarkeit verlangt, sichtbar ist.
In meiner Kindheit war der Körper kein Zuhause, sondern eine
Art Oberfläche. Etwas, das beurteilt, verglichen und gemessen
wurde. Schönheit galt als Ordnung. Alles, was davon abwich
erschien als Fehler im System, eine Störung in einer Welt, die
nach makellosen Fassaden verlangte.
Scham ist leise und nistet sich dort ein, wo der fremde Blick irgendwann zum
eigenen wird. Man lernt, sich selbst zu betrachten, als wäre
man ein Objekt, das verbessert, korrigiert oder entschuldigt
werden muss. Der Körper wird zu einem Stigma. Nicht, weil er falsch ist, sondern weil er sichtbar ist. Scham wird nicht offen ausgesprochen, es zeigt sich in
Vergleichen, in beiläufigen Bemerkungen oder in einem
kurzen Zögern. Das Gefühl lebt von Nähe, es hat Gewicht und
man vertraut auf die doch so kritische Meinung anderer. Der
Vergleich mit dem scheinbaren Möglichen, ist das
Schmerzhafteste an der Scham. Es trennt den Menschen von
seinem Körper. Aus jedem Individuum wird eine Fassade
gemacht, an welcher ständig nachgebessert werden kann. Und
das wird es auch. Durch die Sichtbarkeit anderer, glaubt man
selbst verantwortlich zu sein für das, was andere empfinden.
Scham ist kein persönliches Versagen, sondern ein erlerntes
Gefühl. Es wächst durch die Geschichte und aus Bildern, die
bestimmen, wer dazugehören darf und wer nicht. …