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Kategorie: Schamgefühl

Scham – Das Gewicht der Blicke

Scham – Das Gewicht der Blicke

Das Gewicht der Blicke

Scham entsteht nicht im Inneren. Es entsteht durch Blicke der
anderen, lange bevor man selbst Worte finden kann. Das
Schamgefühl beschreibt, dass man von anderen gesehen wird.
Das schmerzhafte Bewusstsein, dass man in einer Welt, die
Unsichtbarkeit verlangt, sichtbar ist.
In meiner Kindheit war der Körper kein Zuhause, sondern eine
Art Oberfläche. Etwas, das beurteilt, verglichen und gemessen
wurde. Schönheit galt als Ordnung. Alles, was davon abwich
erschien als Fehler im System, eine Störung in einer Welt, die
nach makellosen Fassaden verlangte.

Scham ist leise und nistet sich dort ein, wo der fremde Blick irgendwann zum
eigenen wird. Man lernt, sich selbst zu betrachten, als wäre
man ein Objekt, das verbessert, korrigiert oder entschuldigt
werden muss. Der Körper wird zu einem Stigma. Nicht, weil er falsch ist, sondern weil er sichtbar ist. Scham wird nicht offen ausgesprochen, es zeigt sich in
Vergleichen, in beiläufigen Bemerkungen oder in einem
kurzen Zögern. Das Gefühl lebt von Nähe, es hat Gewicht und
man vertraut auf die doch so kritische Meinung anderer. Der
Vergleich mit dem scheinbaren Möglichen, ist das
Schmerzhafteste an der Scham. Es trennt den Menschen von
seinem Körper. Aus jedem Individuum wird eine Fassade
gemacht, an welcher ständig nachgebessert werden kann. Und
das wird es auch. Durch die Sichtbarkeit anderer, glaubt man
selbst verantwortlich zu sein für das, was andere empfinden.
Scham ist kein persönliches Versagen, sondern ein erlerntes
Gefühl. Es wächst durch die Geschichte und aus Bildern, die
bestimmen, wer dazugehören darf und wer nicht.

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Schamgefühl-Der Fleck

Schamgefühl-Der Fleck

Es passiert an der Bushaltestelle. Ein ganz normaler Montag sollte es heute sein, doch das ist schnell vorbei als ich ihn gesehen hab. In der Werbetafel an der Bushaltestelle habe ich mich gespiegelt, als er mir ins Auge sprang. Eine dunkle Stelle auf meinem Pullover knapp unterhalb meiner Brust. Ein Fleck. Nicht groß, aber deutlich genug, um nicht übersehen zu werden. Mein Magen zieht sich zusammen und auch mein Kopf wird feuerrot und fühlt sich kochend heiß ein. Ich ziehe den Stoff etwas nach unten, als ob es etwas bringen würde. Der Fleck bleibt. Wahrscheinlich war es Kaffee. Den hatte ich mir vorher ja unbedingt noch schnell beim Bäcker holen müssen, obwohl ich schon zu spät dran war. Natürlich war er noch zu heiß, um ihn schnell zu trinken, also hielt ich ihn nur in der Hand, als ich schnellen Schrittes zur Bushaltestelle eilte.

Der Bus kommt. Gott sei Dank, ich hatte ihn nicht schon wieder verpasst. Ich stieg ein und setzte mich auf den Platz genau hinter der zweiten Tür. Mein Lieblingsplatz. Doch leider bringt mir das heute auch nichts. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, um so den Fleck zu kaschieren, leider ohne Erfolg. Ich spüre schon die Blicke der anderen Fahrgäste auf mir, alle haben ihn gesehen, da bin ich mir sicher. An der nächsten Haltestelle steigt eine Frau mittleren alters ein, welche sich für den Platz neben mir entscheidet. Als sie endlich sitzt, wirft sie einen Blick in meine Richtung. Oder schaut sie an mir vorbei? Ich weiß es nicht genau, aber mein Herz schlägt schneller. Sie hat ihn gesehen, ganz bestimmt.

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