Schamgefühl-Der Fleck
Es passiert an der Bushaltestelle. Ein ganz normaler Montag sollte es heute sein, doch das ist schnell vorbei als ich ihn gesehen hab. In der Werbetafel an der Bushaltestelle habe ich mich gespiegelt, als er mir ins Auge sprang. Eine dunkle Stelle auf meinem Pullover knapp unterhalb meiner Brust. Ein Fleck. Nicht groß, aber deutlich genug, um nicht übersehen zu werden. Mein Magen zieht sich zusammen und auch mein Kopf wird feuerrot und fühlt sich kochend heiß ein. Ich ziehe den Stoff etwas nach unten, als ob es etwas bringen würde. Der Fleck bleibt. Wahrscheinlich war es Kaffee. Den hatte ich mir vorher ja unbedingt noch schnell beim Bäcker holen müssen, obwohl ich schon zu spät dran war. Natürlich war er noch zu heiß, um ihn schnell zu trinken, also hielt ich ihn nur in der Hand, als ich schnellen Schrittes zur Bushaltestelle eilte.
Der Bus kommt. Gott sei Dank, ich hatte ihn nicht schon wieder verpasst. Ich stieg ein und setzte mich auf den Platz genau hinter der zweiten Tür. Mein Lieblingsplatz. Doch leider bringt mir das heute auch nichts. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, um so den Fleck zu kaschieren, leider ohne Erfolg. Ich spüre schon die Blicke der anderen Fahrgäste auf mir, alle haben ihn gesehen, da bin ich mir sicher. An der nächsten Haltestelle steigt eine Frau mittleren alters ein, welche sich für den Platz neben mir entscheidet. Als sie endlich sitzt, wirft sie einen Blick in meine Richtung. Oder schaut sie an mir vorbei? Ich weiß es nicht genau, aber mein Herz schlägt schneller. Sie hat ihn gesehen, ganz bestimmt.
Ich bücke mich nach meiner Tasche und halte sie mir unauffällig vor die Brust. Kurzzeitig tat ich so, als ob ich etwas darin suchen würde. Jedoch fühlt es sich alles andere als unauffällig an. Jeder Griff an den Reißverschluss, jede kleine Bewegung kommt mir übertrieben vor. „Reiß dich zusammen“, sage ich mir. „Es ist nur ein Fleck“
Aber Scham lässt sich nicht beruhigen. Sie sitzt schwer auf meiner Brust, macht mich klein. Ich spüre, wie mir heiß wird, obwohl es draußen angenehme 20 Grad hat. Meine Gedanken kreisen. Was denken die anderen? Dass ich ungepflegt bin? Nachlässig? Tollpatschig?
Ein Junge ein paar Reihen weiter vorne lacht laut. Ich zucke zusammen. Natürlich lacht er nicht über mich, trotzdem bin ich mir plötzlich sicher, dass der Fleck der Grund ist.
An der nächsten Haltestelle steigen mehrere Menschen ein. Der Bus wird enger. Eine ältere Frau bleibt direkt neben mir stehen. Ich halte den Atem an. Sie sagt nichts. Sie schaut nicht einmal hin. Vielleicht hat sie ihn nicht gesehen.
Doch der Gedankte hilft nur kurz. Was noch nicht ist kann ja noch sein flüstert die Stimme in meinem Hinterkopf, was die Scham sofort wieder in mir aufsteigen lässt.
Doch endlich, meine Haltestelle. Ich stehe auf, dränge mich zur Tür. Draußen atme ich tief ein. Die Luft tut gut. Für einem Moment glaubte ich sogar, es geschafft zu haben. Weg von den Blicken.
Ich gehe ein paar Schritte, dann bleibe ich stehen. In der Scheibe eines Schaufensters sehe ich mich wieder. Zögernd lasse ich die Tasche sinken.
Der Fleck ist noch da. Oder?
Ich trete näher, beuge mich vor. Es ist kein Fleck. Nur ein dunkler Schatten. Das Licht. Der Stoff fällt hier anders.
Ich starre mein Spiegelbild an. Mir wird kalt. Nicht vor Erleichterung, sondern vor etwas anderem. All die Blicke. All die Gedanken. Die Enge im Bus. Das Herzklopfen.
Alles wegen etwas, das nicht einmal existiert hat.
Ich ziehe die Tasche wieder hoch, aus Gewohnheit. Dann lasse ich sie langsam sinken. Niemand bleibt stehen. Niemand starrt mich an.
Der Fleck war nie da.
Teresa Ilg, F13G1




Du kannst mutig sein und trotzdem Angst haben.










