Scham – Das Gewicht der Blicke
Das Gewicht der Blicke
Scham entsteht nicht im Inneren. Es entsteht durch Blicke der
anderen, lange bevor man selbst Worte finden kann. Das
Schamgefühl beschreibt, dass man von anderen gesehen wird.
Das schmerzhafte Bewusstsein, dass man in einer Welt, die
Unsichtbarkeit verlangt, sichtbar ist.
In meiner Kindheit war der Körper kein Zuhause, sondern eine
Art Oberfläche. Etwas, das beurteilt, verglichen und gemessen
wurde. Schönheit galt als Ordnung. Alles, was davon abwich
erschien als Fehler im System, eine Störung in einer Welt, die
nach makellosen Fassaden verlangte.
Scham ist leise und nistet sich dort ein, wo der fremde Blick irgendwann zum
eigenen wird. Man lernt, sich selbst zu betrachten, als wäre
man ein Objekt, das verbessert, korrigiert oder entschuldigt
werden muss. Der Körper wird zu einem Stigma. Nicht, weil er falsch ist, sondern weil er sichtbar ist. Scham wird nicht offen ausgesprochen, es zeigt sich in
Vergleichen, in beiläufigen Bemerkungen oder in einem
kurzen Zögern. Das Gefühl lebt von Nähe, es hat Gewicht und
man vertraut auf die doch so kritische Meinung anderer. Der
Vergleich mit dem scheinbaren Möglichen, ist das
Schmerzhafteste an der Scham. Es trennt den Menschen von
seinem Körper. Aus jedem Individuum wird eine Fassade
gemacht, an welcher ständig nachgebessert werden kann. Und
das wird es auch. Durch die Sichtbarkeit anderer, glaubt man
selbst verantwortlich zu sein für das, was andere empfinden.
Scham ist kein persönliches Versagen, sondern ein erlerntes
Gefühl. Es wächst durch die Geschichte und aus Bildern, die
bestimmen, wer dazugehören darf und wer nicht.
Da erinnere ich mich an einen Sonntagmittag. Der Tisch war gedeckt, das
Geschirr aufeinander abgestimmt, alles an seinem Platz. Mein
Vater saß bereits, aufrecht, als prüfe er alles von außen. Meine
Mutter kam zuletzt aus der Küche. Sie setzte sich langsam, als
müsse sie ihren Körper erst irgendwo unterbringen. „Du
könntest weniger nehmen“, sagte mein Vater und sah nicht sie
an, sondern ihren Teller. Es war kein Befehl, eher eine
Feststellung so nüchtern wie das Wetter. Meine Mutter
lächelte kurz, schob das Essen ein wenig zur Seite. Niemand
sagte etwas. Auch ich nicht.
In diesem Moment erlernte ich, dass Scham nichts Lautes braucht. Kein Geschrei, keine
Beleidigung. Ein Blick genügt. Ein Vergleich, der nicht
ausgesprochen wird. Der Tisch blieb ordentlich, das Haus
ruhig, die Fassade unversehrt. Nur der Körper meiner Mutter
war zu viel. Der Vergleich mit dem scheinbar möglichen
verletzt am meisten; mit der Nachbarin, der Kellnerin, der
Frau, die zufällig dünner ist. Ich beobachtete meine Mutter,
wie sie kleiner wurde, nicht körperlich, sondern im Raum.
Wie sie sich entschuldigte, ohne Worte zu benutzen. Und ich
verstand, dass Scham trennt. Vielleicht schreibe ich heute,
weil ich damals geschwiegen habe. Weil ich keinen Satz fand,
der den Blick meines Vaters hätte aufhalten können.
Später, im Schwimmbad, lernte ich, dass Scham auch vor Spiegeln
entsteht. In den Umkleiden standen wir Mädchen
nebeneinander. Manche posten selbstverständlich, andere
zogen sich hastig um. Ich gehörte zu denen, die den eigenen
Blick senkten. Nicht, weil mir jemand etwas gesagt hatte,
sondern weil ich bereits wusste, was man sehen konnte. Meine
Narben zogen sich quer über meine Haut, deutlich und
unregelmäßig. Sie sind das Ergebnis von Operationen, die
scheinbar nötig waren. Mein Körper war seitdem anders.
Nicht krank, nicht gesund. Markiert. Ich lernte deutlich, dass
Narben Fragen stellen, auch wenn sie niemand ausspricht.
Die Blicke bleiben an ihnen hängen, ein klein wenig zu lange.
Also drehte ich mich um und zog meine Hose ganz schnell an.
Ich lernte, Sichtbarkeit zu vermeiden, bevor sie einem zum
Verhängnis wird. Zuhause sprach man darüber. Jedoch waren
die Operationen abgeschlossen, der Körper galt als repariert.
Narben stören das Bild. Sie erzählen von etwas, dass aus dem
Rahmen fällt.
Meine Mutter brachte mir bei, dass Unsichtbarkeit Sicherheit bedeutet. Meine Mutter begann
Diäten. Sie sprach nicht darüber, aber man merkte es.
Bestimmte Lebensmittel verschwanden aus der Küche, andere
tauchten plötzlich auf. Sie verlor Gewicht, gewann aber
nichts.
Manchmal fragte ich mich, wie es wäre, einen Körper
zu haben, der niemanden stört. Einen Körper, der einfach da
sein darf. Ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung. Aber gibt es
so einen überhaupt? Ich konnte mir kaum vorstellen, dass man
nicht beurteilt wird, egal was man trägt, sagt oder empfindet.
Es wird immer ein Makel gefunden.
Die Welt ist nicht perfekt, was ist überhaupt Perfektion?
Perfektionismus ist eine Art
Schutzmechanismus gegen das Schamgefühl. Vielleicht
schreibe ich deswegen, weil Schreiben ein Raum ist, der nicht
bewertet wird, solange es niemand liest.
Obwohl ich damals keine Worte gefunden habe, reicht es
heute, um zu schreiben. Sichtbar zu bleiben. Nicht perfekt,
nicht angepasst, sondern anwesend. Und um der Scham, leise,
aber bestimmt nicht das letzte Wort zu überlassen.
Mitlehner Sophie, F13G1