Könntest du Aphantasie haben?

Könntest du Aphantasie haben?

Versuche dir einen Apfel vorzustellen.
Wo befindet sich dieser Apfel? Steht er auf einem Tisch, oder schwebt er im Raum? Vielleicht hängt er noch am Baum oder befindet sich in einer Obstschale? Ist er in deiner Hand, siehst du ihn aus deiner eigenen Perspektive oder aus der dritten Person? Hat er ein Blatt oder nicht, einen Stängel oder nicht? Stelle dir vor, wie er seine Farbe verändert.
Vielleicht hattest du einen roten Apfel, vielleicht ist er jetzt grün, vielleicht gelb oder sogar blau? Kannst du dir vorstellen, wie er glänzt oder ihn im Raum drehen?

Auf einer Skala von Eins bis Zehn, wie gut konntest du dir diesen Apfel vorstellen?
Null bedeutet, dass du dir absolut gar keinen Apfel vorstellen konntest und Zehn ist wenn du ihn dir so gut vorstellen konntest, als könntest du ihn in die Hand nehmen, als wäre er real, als wären all die Farben, in denen du ihn dir vorgestellt hast möglich und normal.

Oder vielleicht konntest du dir gar nichts vorstellen. Nichts. Nada. Einfach nur die selbe Dunkelheit, die du auch siehst, wenn du die Augen schließt.
Aphantasie ist eine neurologisches Phänomen bei dem eine Person unfähig ist, Erinnerungen als Bilder abzurufen oder mentale Bilder zu erschaffen. Das bildliche Vorstellungsvermögen fehlt also. Sie ähnelt der Dyslexie (Leseschwäche), Amusie (Schwäche im musikalischen Bereich) und der Gesichtsblindheit, da sie eine nichtsichtbare Behinderung ist. Somit fällt sie unter die Kategorie der Agnosie.
Ich lege dies so offen aus, da die Aphantasie noch sehr unerforscht ist. Momentan wird geschätzt, dass etwa 2-3% der Bevölkerung von Aphantasie betroffen ist. Viele Belege gibt es dafür jedoch noch nicht.

 

Aphantasie – Ein junges Phänomen

Aphantasie wurde erstmals von Francis Galton beschrieben und ist ein noch relativ junges Phänomen. Es blieb seit 1880 überwiegend unerforscht.
Seit 2005 gibt es jedoch Studien, die sich mit dem Thema beschäftigten. Diese werden in einem Abstand von jeweils 5 Jahren veröffentlicht.
Da man nicht in den Kopf eines anderen schauen kann, verwenden Psychologen den Vividness of Visual Imagery Questionnaire („Lebendigkeit der optischen [geistigen] Bilder Fragebogen“) um herauszufinden, wie stark oder schwach das mentale Auge einer Person ausgeprägt ist.

Diesen Fragebogen kann man in verkürzter Form auch Online ausfüllen. Die Daten werden dabei von der Exeter Universität gesammelt und gespeichert.
Der Fragebogen beinhaltet zum Beispiel die Frage, wie sehr man sich einen Verwandten oder Freund, den man häufiger sieht, vorstellen kann.
In etwa die verschiedenen Farben, die diese Person tragen würde in dessen Kleidung, was man dann mit verschiedenen Möglichkeiten von „ich kann mir kein Bild vorstellen, ‚weiß‘ jedoch wovon gesprochen wird“ bis hin zu „komplett klar und so deutlich, als wäre es vor mir“ beantworten soll.

 

Zurück zu dem Apfel.

Menschen mit Aphantasie können sich zwar Fakten über den Apfel merken – in etwa dass er oft rot ist, rundlich, und manchmal ein Blatt besitzt – haben jedoch nicht die Fähigkeit, diesen Apfel auch bildlich abzurufen.
Für manche kommt es sogar als ein Schock, herauszufinden, dass das „bildliche Vorstellen“ nicht nur als eine Metapher gemeint ist, sondern wortwörtlich. Andere waren sich ihr Leben lang imklaren, dass sie anders sind – und das ist für sie manchmal mehr und manchmal weniger okay.

Untersuchungen zu diesem Thema werden weiterhin von Professor Adam Zeman geführt, welcher nach Menschen sucht, die angeborene Aphantasie besitzen.
Solltest du einer von 50 sein, überlege doch mal ihn anzuschreiben. Du bist schließlich nicht allein – und Aphantasie hält dich auch nicht davon ab, groß raus zu kommen.
Immerhin hat auch Blake Ross, der am Webbrowser Mozilla Firefox mitarbeitete, Aphantasie (seine Facebook Notiz „Aphantasia: How It Feels To Be Blind In Your Mind“ ist übrigens definitiv lesenswert).

 

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